Kulturregion Anhalt & Bitterfeld
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Grün kaschiert den Riss durch das Land
Ein grünes Band schlängelt sich durch Deutschland. Fast 1 400 Kilometer ist es lang und damit eines der größten Biotope der Bundesrepublik.
Allerhand Getier hat sich angesiedelt. Gras gedeiht auch dort, wo einst auf sechs Metern Breite alles dafür getan worden war, dem Grünzeug den Garaus zu machen. "Auf solche Länge wahrlich eine Leistung", stellt der Denkmalhistoriker Andreas Erhard fest. Dennoch setzt er nicht zum Jubel an.
Denn der Streifen Boden sei Teil der Grenze gewesen. Der innerdeutschen Grenze, die Systeme, vor allen Dingen aber Menschen trennte.
Erhard ist Vorstand des Deutschen Kuratoriums zur Förderung von Wissenschaft, Bildung und Kultur und als solcher konsequenter Mahner gegen das Vergessen. Mit seinem Vortrag stimmte er ein auf die bis 10. Oktober im Städtischen Kulturhaus zugängliche Ausstellung, die auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Verein "Kulturregion Anhalt & Bitterfeld" an die Fuhne geholt worden war.
Bereits Gras über der deutsch-deutschen Grenze? Das fragten sich Marco Bertram und Karsten Höft, als sie zu ihrer Tour auf den Kolonnenwegen der Grenztruppen aufbrachen und auf Fotos die Veränderung der Landschaft festhielten. Durch die Betonplatten der Rollbahnen schießen Blumen. An anderer Stelle erinnert praktisch nichts an das bis ins Detail durchdachte System der Undurchlässigkeit. Keine Spur von den Sicherungsanlagen, die bis zehn Kilometer tief in den Arbeiter- und Bauernstaat hinein reichten. "Wenn ich vor Schülern über die Grenze rede, ist es manchmal so, als ob ich vom Dinosaurier erzähle", erklärt Andreas Erhard. Seine Feststellung ist kein Vorwurf an die Jugend. Denn die könne mit dem Thema sicher auch deshalb wenig anfangen, weil seine Zeugnisse Stück für Stück von der Landkarte verschwinden würden. Erhard ist nicht der Mann, der überall Erinnerungsstätten an die deutsche Teilung erwartet. Er sieht heute sogar schon einen mitunter durch eine Vielzahl von Informationen verwirrenden Schilderwald entlang des einstigen Todesstreifens. "Aber wenn Zeugnisse der Vergangenheit aufgestellt werden, dann muss alles greifbar und in seinen Dimensionen erkennbar sein."
Das haben auch Marco Bertram und Karsten Höft versucht. 120 Fotos haben sie ausgewählt und mit Texten versehen. Das Gros der Aufnahmen stammt aus der heutigen Zeit. Neben grüner Idylle gibt es Einblicke in Museen und Erinnerungsstätten. Doch die Ausstellung lebt auch vom Nebeneinander von Gegenwart und Vergangenheit. Schwarz-weiß trifft Bunt, die Karawane der Trabanten mit den jubelnden Menschen in den Tagen nach der Grenzöffnung auf die bittere Wahrheit der Teilung. Die Toten an der Grenze sind aufgelistet. Zahlen stehen für Schicksale.
Gras ist über der Grenze gewachsen. Nicht aber über ihrer Geschichte. Der Todesstreifen ist Lebensraum geworden. Eine Idylle. "Aber vor allen Dingen auch ein Ort der Geschichte", so Erhard.
Von Ulf Rostalsky, Mitteldeutsche Zeitung Bitterfeld, 29. September 2010
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