Kulturregion Anhalt & Bitterfeld
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Vom Todesstreifen zum längsten deutschen Biotop
"Bereits Gras über der deutsch-deutschen Grenze?" lautet der Titel einer Ausstellung, die der Verein "Kulturregion Anhalt & Bitterfeld" anlässlich des bevorstehenden 20. Jahrestages der Wiedervereinigung gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung ins Gemeindezentrum nach Prosigk geholt hat. Am Sonnabend wurde sie vor fast 50 Besuchern eröffnet. Initiiert wurde die Lehrschau von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
In Text und Bild wird der etappenweise Ausbau der Grenzsicherungsanlagen dargestellt, der schon im Jahr 1952 begann. Bis zum 13. August 1961 wurde die DDR auf einer Länge von 1378 Kilometern hermetisch abgeriegelt. Anschaulich geschildert wird der Bau der Panzersperren, Betonmauern, Zäune und Wachtürme. Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Struktur der Grenztruppen, weist auf die vielen Flüchtlinge hin, die am Grenzstreifen erschossen wurden oder durch Minen ums Leben kamen. Nach der Grenzschließung waren nur noch fünf Prozent der Fluchtversuche erfolgreich.
Vorschriftsgemäß hatten die Grenztruppen die 1,3 Millionen an der Grenze verlegten Minen dokumentiert. Wie Andreas Schulze vom Bildungszentrum Schloss Wendgräben der Konrad-Adenauer-Stiftung in seiner Einführung informierte, sind laut diesen Unterlagen 15 000 Plasteminen immer noch nicht entdeckt worden und stellen bis heute eine Gefahr dar.
Tausende mit Stahlsplittern vermischte TNT-Sprengladungen hat das DDR-Regime seit den 70er Jahren am "antifaschistischen Schutzwall" anbringen lassen. In der Ausstellung ist zu sehen, wie diese Selbstschussanlagen funktionierten und welche Wirkung sie auf ihre Opfer hatten. Es wird berichtet von der "Aktion Ungeziefer", in der 1952 ganze Dörfer entvölkert wurden. 11 000 Menschen verloren über Nacht ihre Heimat, darunter einige, die 1945 schon einmal von Haus und Hof vertrieben worden waren. Von Orten wie Berkach, Bardowiek, Papstleithen und Billmuthausen existieren heute nur noch die Namen. Das Dorf Mödlareuth, auch "Klein-Berlin" genannt, wurde gar durch die innerdeutsche Grenze geteilt.
Erinnert wird auch an die "Dorfrepublik Rüterberg". Elf Millionen Mark ließ es sich die DDR-Führung kosten, diesen grenznahen Ort unüberwindbar einzuzäunen. Verlassen konnten die Einwohner ihr Dorf nur durch ein Tor, das um 23 Uhr verschlossen wurde.
Mehr als 25 Museen und Gedenkstätten erinnern entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze an die Teilung Deutschlands. In der Ausstellung ist zu sehen, wie aus dem einstigen Todesstreifen ein "Lebensstreifen" wurde. Es ist heute das größte zusammenhängende Biotop Deutschlands.
Die CDU-Landtagsabgeordnete Brigitte Take erinnerte an die Schließung der DDR-Grenze am 13. August 1961. "Das System hatte seine Bürger eingesperrt", stellte sie fest. Die Ausstellung verdeutliche, "dass man ein Volk nicht ungestraft gefangen halten kann". Das sei wichtig, da heute schon wieder einige in "Ostalgie" schwelgen würden.
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Ute Jahn schilderte die Repressalien, denen die Familie ausgesetzt war, nachdem sie ein laut DDR-Diktion "ungesetzliches Übersiedlungsersuchen" gestellt hatte. Das Ehepaar wurde entlassen. Anschließend wollten die DDR-Behörden ihm die zwei Kinder wegnehmen, da Vater und Mutter ja nicht mehr genügend Geld für deren Unterhalt hatten.
Regine Michel, Vorsitzende des in diesem Jahr in Weißandt-Gölzau gegründeten Vereins "Kulturregion Anhalt & Bitterfeld" war zufrieden mit der Resonanz auf diese erste große Veranstaltung. Auf Initiative des Vereins wird die Ausstellung ab dem 27. September auch in Bitterfeld-Wolfen und ab dem 14. Oktober im Bereich Informatik der Hochschule Anhalt in der Köthener Lohmannstraße gezeigt. "Für uns ist es besonders wichtig, diese Informationen jungen Leuten zugänglich zu machen", sagte die Vorsitzende und schlug eine Besichtigung zum Beispiel an Projekttagen von Schulklassen vor. Noch am Sonnabend schauten sich etwa 40 Jugendliche vom Technischen Hilfswerk und von der Jugendfeuerwehr die Ausstellung an.
Claus Blumenstengel, Mitteldeutsche Zeitung Köthen, 9. August 2010
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